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August 2026
Gewesen: Abschiedskonzert Günter
Steinke – asphalt Festival in Düsseldorf
Angekündigt: Visual Sounds in Dortmund –
Wandelweiser-Klangraum in Düsseldorf – Auftakt Ruhrtriennale u.a.m.
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[Abschiedskonzert Günter Steinke]
Zum Auftakt der Folkwang Woche
Neue Musik hieß es Abschied nehmen: Nach 23 Jahren als
Professor für Instrumentalkomposition verlässt Günter
Steinke zum Ende des Sommersemesters die Folkwang Universität. Gemeinsam
mit Mitstreitern und Mitstreiterinnen ließ er aus diesem
Anlass in einem moderierten Konzert unter dem Motto Crazy
Years die Jahre Revue passieren und viele Erinnerungen
aufblitzen. 2004 trat Steinke aus Bremen kommend, wo er
zuletzt das elektronische Studio geleitet hatte, die
Nachfolge von Nikolaus A. Huber an und war ob des
renommierten Vorgängers zunächst einmal nervös. Doch dieser
hatte trotz großer Fußspuren keine stabilen Strukturen für
die Neue Musik hinterlassen und so konnte Steinke frei
schalten und walten. Sofort begann er Kontakte zu knüpfen
und seine Netzwerke auszuspielen. Er lud renommierte
Personen und Ensembles wie Helmut Lachenmann oder das
Ensemble Recherche nach Essen ein und etablierte den
Studiengang Integrative Komposition, der
neben den Bereichen instrumentale und elektronische
Komposition auch Visualisierung und Popmusik umfasst. Vor
allem aber streckte er seine Fühler über den
Hochschultellerrand hinaus aus, was Kooperationen mit der
Essener Philharmonie, der Konzertreihe ‚Musik der Zukunft‘
sowie November Musik zur Folge hatte. 2008 schlug dann die
große Stunde mit der Förderung durch das Netzwerk Neue Musik, in dessen
Rahmen die Kulturstiftung des Bundes 15 Projekte über vier
Jahre üppig bezuschusste. In NRW gehörte neben Köln und
Moers auch Essen zu den Auserwählten: Unter dem Motto
‚Entdeckungen‘ schlossen sich die Folkwang Universität, die
Folkwang Musikschule, die Philharmonie, die GNMR
und der Landesmusikrat zusammen und
zwar so erfolgreich, dass zum Abschluss der Förderung 2011
das NOW!-Festival aus der Taufe
gehoben wurde, das seitdem jedes Jahr im Herbst stattfindet
und sich nach (vorläufiger) Abwicklung des Kölner
Achtbrückenfestivals als größtes Neue-Musik-Festival in NRW
etabliert hat. Das soll, wie man erleichtert zur Kenntnis
nehmen konnte, erst einmal so bleiben, denn Planungen
reichen schon bis in das Jahr 2028. Von der guten
Zusammenarbeit mit der Essener Philharmonie berichtete die
Intendantin Babette Nierenz, die es sich nicht nehmen ließ,
eine kleine Klaviereinlage (Schönberg) zum musikalischen
Programm beizusteuern. Dieses wurde vor allem vom Ensemble S201 bestritten und
wer sich schon immer gefragt hat, wie es zu seinem Namen
kam, erhielt an diesem Abend die Antwort: In Raum S201
residiert(e) Günter Steinke! Zunächst kamen Mitglieder des
Ensembles solistisch zum Einsatz. Robert Wheatley
interpretierte Steinkes C-Arco für Cello solo, bei
dem sich flüchtige Gesten zu nervös-zittrigen Schraffuren
und kurzen Eruptionen verdichten, Dimitry Stavrianidi
steuerte ...kaum einen Hauch für Bassflöte solo bei,
das romantische Attitüden aufbricht und das Instrument zum
Sprachrohr macht, in das der Interpret das namensgebende
Goethegedicht (auf französisch!) wispert und haucht. Zum
Ausklang spielte S201 Steinkes Crazy Daisy, das
schüchtern und verhuscht beginnt, zunächst kleine Ausbrüche
wagt, immer mehr Fahrt aufnimmt und sich schließlich in
schrille, irrwitzige Sphären versteigt. Aber Steinke wollte
die Bühne nicht für sich allein, sondern ließ mit Jagyeong
Ryo, Hyelin Lee und Philippe Hersant auch Studierende und
Verbündete zum Zuge kommen. S201 ist übrigens nicht das
einzige Ensemblegewächs, das in der Ära Steinke entstanden
ist, auch das Ensemble Crush, das sich mit
Salvatore Sciarrinos Omagggio a Burri am Progamm
beteiligte, hat seine Wurzeln in Essen und, nicht zuletzt
seitdem Barbara Maurer ihre
Lehrtätigkeit aufgenommen hat, sind weitere Neugründungen zu
verzeichnen (so stellten sich beim letzten NOW!-Festival das
Trio Signale und das Trio
Sillage vor).
Wer auch immer die Nachfolge antreten wird (ein
unterschriftsreifer Vertrag liegt bereits vor), findet in
Essen ein gut bestelltes Haus vor, aber auch von Steinke
kann man sich kaum vorstellen, dass er sich einfach so zur
Ruhe setzt. Dafür wirkt er viel zu munter und
unternehmungslustig.
[asphalt Festival in Düsseldorf]
Das Arditti Quartet hat meine Annäherung an die Neue Musik ganz wesentlich begleitet. Ob bei den Kammermusiktagen in Witten oder beim Inselfestival in Hombroich, die Ardittis (damals noch in der Besetzung mit Garth Knox und Rohan de Saram, über den ich bei dieser Gelegenheit erfahre, dass er 2024 im Alter von 85 Jahren verstorben ist) waren praktisch immer dabei und jedes ernstzunehmende Streichquartett wurde selbstverständlich von ihnen aus der Taufe gehoben. Mittlerweile ist sogar Kritik an ihrer Spielweise erlaubt (angeblich unterkühlt und zu sehr auf Perfektion ausgelegt) und es gibt viele neue Namen in der Szene (spontan fallen mir Jack Quartet und Quatuor Diotima ein), aber mein Herz schlägt immer noch höher, wenn der Name Arditti irgendwo auftaucht. Ausgerechnet das Düsseldorfer asphalt Festival, das nicht auf zeitgenössische Musik spezialisiert ist, sondern ein sehr breites, spannendes Spektrum bietet (von Florentina Holzinger bis Christiane Rösinger!), hat mir jetzt diese Freude bereitet. Der Aufführungsort KIT, ein unterirdischer Ausstellungsraum mit kalten Betonwänden, ist zwar was die Akustik anbelangt gewöhnungsbedürftig, aber ich war entschlossen, mich davon nicht beeinträchtigen zu lassen. Inzwischen ist das Quartett mit Lukas Fels (Cello, ehemals Ensemble Recherche) und Ralf Ehlers (Bratsche) zur Hälfte in deutscher Hand, aber an der besonderen Stellung von Irvine Arditti, der die Formation 1974 in London gegründet hat, kommen keinen Moment Zweifel auf. Musikalisch präsentierten sie eine interessante Mischung aus Vertrautem (Jonathan Harveys Streichquartett Nr. 2 aus dem Jahr 1988 und Iannis Xenakis Tetras aus dem Jahr 1983, mit gewohnter Energie und Verve gespielt), einem neueren Werk von Zeynep Gedizlioglu und einem Stück des Schweizer Komponisten Daniel Glaus, der für mich eine Neuentdeckung darstellte. Dabei wurden sie unterstützt von der Harfenistin Consuelo Giulianelli und der Sopranistin Christina Daletska, die bereits in Gedizlioglus Wenn du mich hörst, klopf zweimal für Streichquartett und Sopran (2009) aufhorchen ließ. Mit sich steigerndem Nachdruck adressiert sie ein namenloses Gegenüber („Hörst du mich? Bist du da?), grundiert von den Streichern, eindringlich, pochend, wobei sich die Stimme immer mehr Raum nimmt. Mit zwei frühen Liedern von Heinz Holliger in einem Arrangement für Stimme und Harfe (Der Abend und Der Schmetterling) stimmten sich Daletska und Giulianelli schließlich ein auf Daniel Glaus’ Chammawet Ahawah für Sopran, Harfe und Streichquartett, das Hauptwerk des Abends. Glaus wurde 1957 in Bern geboren, war bis 2022 als Organist am Berner Münster tätig und wirkt als Hochschulprofessor in Bern und Zürich. Als Inspirationsquellen nennt er neben der Neuen Musik (als prägend werden u.a. Nono, Holliger, Xenakis, Grisey genannt) philosophische und literarische Quellen von Heraklit über Meister Eckhart bis Rilke und Naturphänomene. Seinem knapp halbstündigen Chammawet Ahawah liegt das Hohe Lied des Salomon zugrunde, das uns im hebräischen Original, einer englischen Übersetzung und einer Erweiterung durch den Lyriker Andreas Urweider begegnet. Aus einem ätherisch-flirrenden Streichergrund erhebt sich die Stimme im hebräischen Urtext, klar, bestimmt, fast litaneiartig. Mit dem Wechsel der Sprache verändern sich die Ausdrucksmittel und der emotionale Gehalt. Begleitet von Harfenkaskaden agieren die Streicher zunehmend fiebrig-nervös – ‚scheu und wild‘. Virtuos wechselt Daleska zwischen gesprochenem und geflüstertem Text, Sprechgesang, liedhaftem und expressivem Duktus, ihre Stimme klingt abwechselnd klagend, leidenschaftlich, fordernd, beschwörend, anklagend, furchtsam. Auch die instrumentale Ebene durchläuft verschiedene Aggregatzustände, ist mal unterschwellig brodelnd, mal aufbrausend, mal markiert sie das Geschehen mit herben Akzenten und harschen Schraffuren. Wenn zum Schluss Urweiders Text die Überlegenheit der (weiblichen) Liebe über die (männliche) Gewalt beschwört, erklimmen die Streicher, zunächst punktiert von glockenartigen Harfenpizzicati, die höchsten Register und wirken in ihrer gläsernen Fragilität verletzlich und schneidend zugleich. Genau das ist für mich das Geheimrezept des Arditti Quartets: Durch kompromisslose Präzision zu berühren.
Daleska wurde in Lwiw in der Ukraine geboren und ihre Leidenschaft gilt nicht nur der Musik. Sie ist Botschafterin von Amnesty International und engagiert sich insbesondere seit dem russischen Angriffskrieg für ihr Heimatland. Ein Thema, das dem Asphalt-Festival offenbar besonders am Herzen liegt, denn neben Daleska waren auch die ukrainische Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matviichuk und der Pianist Vadim Neselovskyi zu Gast. Neselovskyi, der 1977 in Odessa geboren wurde, 1995 mit seiner Familie als jüdischer Kontingenzflüchtling nach Deutschland kam, in Essen und Detmold studierte und 2001 in die USA zog, wo er sein Studium vervollständigte und bis heute lebt, hat sich einen Namen gemacht als Jazzmusiker, der Elemente klassischer Musik einfließen lässt und so gekonnt mit den Genres jongliert. In Düsseldorf brachte er gemeinsam mit dem Ysaÿe String Trio sein Werk Perseverantia zur Aufführung, das sich ganz explizit mit dem Krieg in der Ukraine befasst. In zehn Episoden und einem Epilog konfrontiert er die Zuhörenden mit den Geschehnisse oder mehr noch mit den dadurch bei ihm ausgelösten Gefühlen. Zu Beginn versetzt uns eine leichtfüßig sprudelnde, etwas melancholisch angehauchte Musik in eine Welt vor dem Angriff, die brachial von hämmernden Akkorden und fieberhafte Streicherturbulenzen zerstört wird. Wir erleben hektische Klavierläufe wie auf der Flucht, von schwermütigen Streichern unterlegte Momente der Trauer, aber auch Ausflüge nach Moskau, das „tanzt als wäre nichts passiert.“ Neselovskyi gibt an, er habe hier versucht, richtig schlechte Popmusik zu komponieren, mit scheinbar harmlosen Melodien, die von falschen Tönen konterkariert werden, auf der Stelle treten, sich tot laufen und schließlich selbst ad absurdum führen. Die Szene mündet unmittelbar in eine verhaltene, choralartige Passage und in ein schwermütiges Klaviersolo, doch schon bald folgt die Gegenoffensive. In einem sich beschleunigenden Parforceritt scheint die Musik sich selbst zu überholen, trumpft auf, insistiert und endet in von Pausen durchsetzten explosionsartigen Ausbrüchen. Zum Schluss klingt noch einmal die Melodie des Anfangs an, diesmal sehr viel deutlicher von Wehmut gezeichnet, aber nicht ohne Hoffnung. Eine Musik, die sich vorwiegend in tonalen Gefilden bewegt, mit bewusst eingesetzten Effekten einem außermusikalischen Programm folgt und eine eindeutige Botschaft vermittelt – das entspricht nicht gerade meinen üblichen Hörgewohnheiten. Aber was macht man, wenn die Welt kollabiert und trotzdem normal weiter geht, wenn man ganz nah dran und gleichzeitig tausende Kilometer entfernt ist? Neselovskyis versucht, der eigenen Ohnmacht irgendetwas abzutrotzen, wohl wissend, dass er ihr nicht entkommen kann, und dabei zeigt er sich nicht in erster Linie als Betroffener sondern als Musiker. Es gelingt ihm, über fast 75 min. einen Spannungsbogen zu erzeugen, die Musik bleibt nicht am Programm hängen, sondern entwickelt ihre eigene Dynamik und vor allem die Passagen, die dem Titel Perseverantia entsprechend von Widerstand und Beharrlichkeit zeugen, sind von packender Energie und Dichte.
[Termine im August]
Köln
In der Reihe 'ritual' erwarten uns am 1.8. Multiple Voices
& Spem in Alium, in der Galerie Lindemann ist ebenfalls am 1.8. der Klangkünstler
Subespai alias Mauri Edo zu Gast, im Stadtgarten erkunden am 10.7. NICA-Artists abstrakte
Polyrhythmen und Dominik Susteck stellt am 21.8. in Sankt Marien in
Kalk sein Buch Andersräume über Kölner
Kirchen, Orgelklang und Stille vor.
Einblicke in die freie Szene
bekommt man bei ON Cologne und Noies, der Zeitung für neue
und experimentelle Musik in NRW, jeden 2. und 4.
Dienstag im Monat sendet FUNKT ein Radioformat mit
Elektronik und Klangkunst aus Köln und jeden letzten
Mittwoch im Monat findet die Soirée Sonique im LTK4 statt. Dort wird außerdem noch bis zum 1.8. das Centre Court Festival
veranstaltet. Am 26. und 28.8. nimmt
das Loft nach der Sommerpause sein Programm wieder auf und weitere Termine und
Infos finden sich bei kgnm, Musik in
Köln und impakt sowie Veranstaltungen
mit Jazz und improvisierter Musik bei Jazzstadt
Köln.
Ruhrgebiet
Am 20.8. startet die dritte und letzte Runde der Ruhrtriennale unter der Intendanz von Ivo Van Hove. Wie schon in den ersten beiden Jahren schlägt sein Herz mehr für Pop als für Neue Musik. Mit seinem Musiktheater Rebel Rebel widmet er sich diesmal David Bowie. Weitere Produktionen befassen sich mit der amerikanischen Dichterin Emily Dickinson (Emily – No Prisoner Be) und Hermann Hesses Siddhartha in einer Komposition von Caroline Shaw, die außerdem in einem Konzert mit dem Attacca Quartet eigene Werke interpretiert. Marina Abramović ist mit der Performance Balkan Erotic Epic zu erleben und in der Duisburger Gebläsehalle führt uns Musik von Erik Satie und John Cage vom Chaos zur Stille.
Vom 13. bis 15.8 findet in Dortmund visual sounds, das Outdoor Festival für Free Jazz, improvisierte Musik und Experimentelles, statt.
In der Duisburger Kirche St. Ludgerus spielt Dominik Susteck am 2.8. sein Werk Zeitfiguren.
Das Part-Ensemble setzt am 2.8. seine Reihe 'Refugium' im Kunstraum Heilig Geist in Essen fort.
Düsseldorf
Im Sommer gehört die Jazz-Schmiede dem Klangraum. Vom 4. bis 9.8. sowie vom 18. bis 23.8. kann man sich hier auf die besondere Wandelweiserästhetik einlassen. In der Woche vom 10. bis 16.8. kuratiert André O. Möller ein besonderes Programm.
Sonstiges
Unter dem Motto Muschelblume und Blei lassen sich im Sommer entlang der Erft Installationen, Performances, Konzerte und Kurzfilme entdecken. Unter anderem bespielt Natalie Blum am 1.8. das Klärwerk Kenten und Franziska Windisch ist am 30.8. zwischen Dünen und Wacholderbüschen zu erleben.
In der Aachener Raststätte erklingt am 5.8. Synthesizer Jam und die Bielefelder Cooperativa Neue Musik veranstaltet monatlich einen Jour fixe.
Weitere Termine mit improvisierter Musik finden sich bei NRWJazz.
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