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Juni 2026
Gewesen: Neue Opern in Aachen, Dortmund, Köln und Wuppertal – Abschied von Mark-Andreas
Schlingensiepen
Angekündigt: Tag der zeitgenössischen
Musik an der RSHS Düsseldorf – Blaues Rauschen im
Ruhrgebiet – Meredith Monk in Essen u.v.a.m.
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[Neue Opern in Aachen, Köln, Dortmund und Wuppertal]
Zum Ende der Spielzeit 2025/26 hatten an mehreren Opernhäusern in NRW mehr oder minder neue Werke Premiere. Immerhin waren zwei Uraufführungen dabei und ich habe mich erwartungsvoll auf die Reise gemacht.
Literaturopern sind eigentlich von gestern, aber für Ingeborg Bachmanns Roman Malina möchte man gerne eine Ausnahme machen. Zum einen hatte Bachmann eine hohe Affinität zur Musik, sie war eng mit Hans Werner Henze befreundet, für den sie mehrere Libretti schrieb, in ihren Werken bezieht sie sich direkt auf Musik (im Roman Malina erscheint gleich auf den ersten Seiten ein Notenbeispiel aus Schönbergs Pierrot Lunaire) und nicht nur ihre Lyrik zeichnet sich durch einen ausgesprochen musikalischen Duktus aus. Zum anderen handelt es sich bei Malina um ein sehr vielschichtiges Werk ohne geradlinige Narration dessen Thema, patriarchale Gewaltstrukturen, von unverminderter Aktualität ist. Anlässlich Bachmanns 100. Geburtstag ging das Theater Aachen daher das Wagnis ein, gemeinsam mit den Schwetzinger Festspielen (wo das Werk am 24.4.26 aus der Taufe gehoben wurde) bei Karola Obermüller und Peter Gilbert (Komposition) sowie Tina Hartmann (Libretto) die Oper Malina in Auftrag zu geben. Im Mittelpunkt steht das namenlose weibliche Ich, dessen Ringen mit ihrem Geliebten Ivan, ihrem Mitbewohner Malina und ihrer eigenen Identität sich in einem komplexen Gefüge aus Dialogen, Monologen, Fantasien, Träumen und Erinnerungen offenbart. Wir werden durch ein Labyrinth aus Worten, Klängen und Bildern geführt, in dem immer wieder neue Schichten und Assoziationen freigelegt werden. Der einzige rote Faden ist eine durchgehende Atmosphäre des Unbehagens, der Gewalt, der Bedrohung und der Verunsicherung, für die die Regisseurin Franziska Angerer eindrucksvolle Bilder findet. Die Bühne wird beherrscht von einem Halbrund aus Spiegeln und Projektionsflächen. Gleich zu Beginn taucht die Frau (Larisa Akbari) ihre Hände in herabrinnendes Rot, Blut, das sich nicht mehr abwaschen lässt. Die toxische Dynamik zeigt sich besonders in der Beziehung zu ihrem Geliebten Iwan, den Micah Schroeder lässig rauchend mit kühler Dominanz verkörpert. Während die Frau sich auf einen romantischen Abend mit Ivan vorbereitet, wird ihre Sehnsucht nach ihm überdeckt von der Angst, nicht zu genügen. Eine wirkliche Begegnung findet auf der Bühne nicht statt, großformatige Projektionen in Nahaufnahme gestatten jedoch einen Blick unter die Oberfläche: erotische Szenen voll untergründiger Gewalt, Essenszubereitung, bei der Tomaten bluten, Eier bersten und Messer in Fleisch schneiden. Doch die Gewalterfahrungen reichen tiefer und manifestieren sich in Kindheitserinnerungen, die den ins Unermessliche anwachsenden, erdrückenden Schatten des Vaters evozieren. Einen Gegenpol bildet die Welt der Fantasie, die sich wie im Roman um das Märchen von der Prinzessin Kagran (Jelena Rakić), ihren Rappen und den Prinzen (Ángel Macías) entfaltet. Aber auch hier gibt es Ambivalenz statt Erlösung. Ist das Pferd Kraftquell und Rettung oder ein weiteres Symbol der Gewalt, in dem – als Kadaver auf die Bühne herabgelassen – sich die Protagonistin verfängt. Ein Dialog findet noch am ehesten mit ihrem Mitbewohner Malina statt, der als Alter Ego der Frau erscheint, was kongenial durch die Besetzung mit dem Countertenor Valer Sabadus zum Ausdruck gebracht wird. Die Stimmen Malinas und der Frau verschmelzen, die Grenzen zwischen den Geschlechtern verschwimmen. Doch erneut dominieren Zwiespalt und Ungewissheit. Malina erscheint wiederholt im Publikum, auf den Rängen, weit weg als suche er Distanz. In der letzten Szene verleugnet er in einem Telefongespräch die Existenz der Frau. Wie im Roman lauten die letzten Worte „Es war Mord.“ Verweist dies auf endgültige Vernichtung oder auf die Möglichkeit des Aufbruchs in eine Welt, die die alten Kategorien hinter sich lässt? In Aachen sind beide Lesarten möglich, doch zurück bleibt vor allem ein produktives Gefühl der Verwirrung. Zu dieser Vielschichtigkeit passt, dass der Kompositionsauftrag an zwei Personen vergeben wurde. Die Zusammenarbeit soll trotz unterschiedlicher Musikstile reibungslos verlaufen sein und tatsächlich hört man keine nennenswerten Brüche. Die Musik drängt sich nur selten in den Vordergrund, begleitet das Geschehen organisch und hält manchmal inne, um der gesprochenen Sprache Raum zu geben. Elektronische Mittel kommen behutsam zum Einsatz, so zum Beispiel wenn der Opernchor als Zuspielung die Frau wie ein Schatten umgibt. Die im Programmheft erwähnten Leitkonzepte und Bezugnahmen (z. B. auf die Komponistin Ruth Crawford Seeger) konnte ich allerdings nur ansatzweise nachvollziehen. Am Schluss blieb der Eindruck, der Fülle der Worte, Klänge und Bilder nicht ganz gerecht geworden zu sein, und der Wunsch, sich gleich zu Hause den Roman zu schnappen und besser gerüstet wiederzukommen.
Ganz ohne
Kooperationspartner hat die Oper Dortmund Sarah Nemtsovs neues Werk Wir gestemmt und auch in
Zukunft soll regelmäßig Neuland
betreten werden. Inspirieren ließ sich
der Intendant Heribert Germeshausen von Richard Wagners Ausspruch „Kinder, schafft
Neues“, weshalb die Premiere am 14.5. den 7. Dortmunder Wagner-Kosmos eröffnete. Hierbei handelt es
sich um eine jährlich stattfindende
Veranstaltungsreihe, die Gesprächsformate mit
Neuinszenierungen verbindet – von Wagneropern (wie
im letzten Jahr Konwitschnys Ring), von
Wiederentdeckungen oder eben Uraufführungen. In der Zukunft ist sogar eine Zusammenarbeit mit den Bayreuther
Festspielen geplant: Gemeinsam wurde Brünnhilde brennt bei Bernhard Lang in Auftrag gegeben, das
am 3.8.26 in Bayreuth konzertant uraufgeführt wird (natürlich nicht im Festspielhaus)
und 2027 in Dortmund seine szenische
Erstaufführung erlebt. Zum 60-jährigen
Bestehen des Opernhauses 2028 hat man sich schließlich etwas ganz besonderes
einfallen lassen: Wim Wenders’ Film Der Himmel über Berlin wird zur Oper - mit Musik von
Elena Kats-Chernin, einem Libretto und in der Regie von
Martin G. Berger sowie Rolando Villazón in einer zentralen
Partie.
Nun aber zurück zu Nemtsovs neuer Oper Wir, die sich
zwar ebenfalls dem Thema Zukunft widmet jedoch einer
fiktiven Zukunft mit ausgesprochen dystopischem Charakter.
Zugrunde liegt der gleichnamige Roman von Jewgeni Samjatin,
der kurz nach seiner Entstehung 1923 in seinem Heimatland,
der UdSSR, verboten wurde, 1924 in New York auf Englisch
erschien und als weniger bekannter Vorläufer der Romane von
Aldous Huxley und George Orwell gilt. Samjatin schildert,
wie nach einem verheerenden Krieg auf der Erde der Geeinte
Staat entsteht, der sich durch rigorose Gleichschaltung und
Reglementierung auszeichnet. Statt Namen gibt es Nummern,
Träume gelten als psychische Abnormität und staatliche
Beschützer sorgen dafür, das niemand aus der Reihe tanzt. In
ihrem selbstverfassten oder besser selbst zusammengestellten
Libretto folgt Nemtsov geradlinig der Geschichte des
Ingenieurs D-503, dessen Raumschiff Integral die
Staatsdoktrin ins Weltall tragen soll, der dann aber der
geheimnisvollen I-330 verfällt, die ihn mit Liebe und
Nostalgie infiziert. I-330 gehört zudem einer
Widerstandsgruppe an, deren Revolte allerdings scheitert.
D-503 wendet sich in seiner Not ausgerechnet an die
staatliche Gesundheitsabteilung, die als ultimative Lösung
zur Amputation der Seele rät. Ob D-503 diesen Weg geht,
bleibt zum Schluss offen, wobei gleichzeitig der Blick
hinter die Mauer in eine wilde Natur eine vage Hoffnung
aufkeimen lässt.
Im Gegensatz zu ihren früheren Opern wählt Nemsov eine
lineare Herangehensweise und setzt auf Nachvollziehbarkeit.
Die Stimmen werden verstärkt aber nicht verfremdet (bis auf
die des Diktators), Synthesizer (Sebastian Berweck) und
E-Gitarre (Seth Josel) sorgen für
futuristische Einfärbungen, die dramatischen Passagen werden
von einer düsteren, massiven, gewalttätigen Musik begleitet.
Dem entspricht die Inszenierung von Eva-Maria Höckmayr, die den
gesamten Opernraum auf spektakuläre Weise zum Komplizen
macht. Das Publikum wird (wie schon bei Kurtágs Fin de Partie) auf der
Bühne platziert und sieht zunächst in einer riesigen, das
Podium vom Zuschauerraum trennenden Spiegelwand sich selbst.
Dies sorgt für einen starken Moment der Irritation und kann
als Bezugnahme auf eine Metapher des Romans interpretiert
werden, wonach die Seele ein flüssiger Spiegel ist, fähig
die Umwelt individuell zu reflektieren. Das Geschehen hebt
an mit einer brutalen Szene, die auf das Ende vorgreift und
uns in nächster Nähe und mit übergroßen Projektionen zu
Zeugen der Folterung von I-330 nach der gescheiterten
Revolte macht, wodurch jeder Zweifel am Charakter des hier
herrschenden Machtapparats im Keim erstickt wird. Dann nimmt
die chronologisch erzählte Handlung ihren Lauf. Das Drama
spielt sich direkt vor unseren Augen ab, Seth
Carico als D-503 vermittelt sein Ringen mit
widerstreitenden Gefühlen aufs Eindrücklichste, Gloria
Rehm als I-330 bezirzt ihn mit betörender,
sirenenhafter Stimme. Im Gegensatz dazu steht das Regime:
Wenn sich die Spiegelwand hebt, blicken wir in den hell
ausgeleuchteten Zuschauerraum, der es in seiner unnahbaren
Weite und Unerreichbarkeit, seiner unerbittlichen Ordnung
und kalten Pracht kongenial abbildet. Die Inszenierung zieht
alle Register. Neben Opernchor und Sprechchor kommen auch
die Bürger*innenOper und die Statisterie zum Einsatz, um die
kurzzeitig rebellierenden, schon aber bald wieder folgsamen
Menschenmassen abzubilden. Farbakzente werden effektvoll
verwendet, dem einfältigen Mausgrau der stromlinienförmigen
Menge steht das Rot des Rebellentums gegenüber, das außerdem
von einem Tänzer (Ivan Keim) verkörpert wird. Die handelnden
Personen agieren teils direkt aus dem Publikum heraus, aus
der letzten Reihe dringt Raunen, Stampfen und Pfeifen und
setzt sich im Nacken fest, Nebel- und Klangschwaden
durchziehen den Raum. Die Gesamtwirkung ist eindrucksvoll
doch gerade dadurch nicht unproblematisch, denn die Kritik
an einem überwältigenden System setzt selbst auf
Überwältigung, die Antwort auf Rigidität und Berechenbarkeit
erscheint selbst zu bruchlos und geradlinig.
Die Kölner Oper
ist mit George Benjamins Picture A Day Like This
auf Nummer sicher gegangen. Das Werk hat bereits 2023 beim
Festival d’Aix-en-Provence seine Uraufführung erlebt und
Benjamins Vorgängeropern waren wiederholt in der Region zu
erleben. Er ist somit kein Unbekannter und vor allem ist
er ein hervorragender Handwerker, der sich auf Musik
versteht, die stimmig, ausgefeilt und eingängig ist ohne
banal zu sein. Für seine neueste Oper hat er sich
gemeinsam mit seinem Stammlibrettisten Martin Crimp eine
Geschichte auserkoren, die Motive aus dem Fundus der
Volkserzählungen aufgreift und ganz bewusst keinen
Realismus anstrebt. Eine Frau betrauert den Tod ihres
Kindes und erhält die Auskunft, es mit dem Knopf vom Ärmel
einer glücklichen Person wiederbeleben zu können. Sie
begibt sich auf eine – man ahnt es schon – vergebliche
Reise und begegnet dabei einem Liebespaar, das sich
entzweit, einem Kunsthandwerker, der sich als psychisches
Wrack entpuppt, einer erfolgsverwöhnten Komponistin, die
sich in Selbstzweifeln ergeht, und einem Kunstsammler, der
sich mit seinen Schätzen vereinsamt hinter
Sicherheitsvorkehrungen verschanzt. Schließlich trifft sie
in einem Paradiesgarten auf Zabelle, die ihr tatsächlich
einen Knopf überreicht, jedoch sogleich einräumt, nicht
wirklich existent zu sein. Fazit: In der realen Welt gibt
es kein Leben ohne Leid, aber zum Glück haben wir die
Fantasie. Das Publikum erwartet somit ein Stationentheater
mit vorhersehbarem Verlauf und einem Ende, das einen
gewissen Interpretationsspielraum zulässt. Zudem würzt
Grimp das Libretto mit einigen Modernismen, die allerdings
etwas aufgesetzt wirken: Der Liebhaber huldigt einer
‚verfickten Polyamorie‘, was schließlich zum Zerwürfnis
mit seiner Partnerin führt, der Kunsthandwerker scheint
einem aktuellen Lehrbuch psychischer Erkrankungen
entsprungen inklusive Selbstverletzung und Suizidalität
und bei der Schilderung der rastlosen Komponistin schwingt
eine gewisse Selbstironie mit. Die Inszenierung (Daniel Jeanneteau und Marie-Christine Soma)
konzentriert sich jeweils pro Szene auf ein markantes Bild
– das sich räkelnde Liebespaar, der von Knöpfen übersäte
Kunsthandwerker, der in einem Glaskasten sitzend den
Kontakt zur Welt verloren hat, die samt Assistent auf
einem Laufband auf der Stelle tretende Komponistin. In der
Paradiesgartenszene wird mit Projektionen eine wunderbare,
fantastisch wuchernde Unterwasserszenerie erzeugt, in der
Zabelle und die Frau einander spiegeln. Dazu erklingt eine
Musik, die alle Höhen und Tiefen gekonnt und genussvoll
ausschöpft. Die Stimmen der Liebenden verschmelzen zu
schön um wahr zu sein, bevor sie sich in einem heftigen,
von Bläserattacken forcierten Schlagabtausch verfangen.
Die Stimme des Kunsthandwerkers kippt immer wieder ins
höchste Register und deutet so die psychischen Abgründe
an, die sich schließlich in einem schrillen Aufbegehren
des Orchesters unüberhörbar offenbaren. In der Gartenszene
umgarnen sich die Stimmen wie Schlingpflanzen und die
Musik schillert und glitzert.
Insgesamt wirkt das Ganze etwas abgespult, aber über die
für eine Oper vergleichsweise kurze Dauer von einer Stunde
trägt das Konzept durchaus, zumal das Gürzenich-Orchester
(in kleiner Besetzung) unter der Leitung von Christian
Karlsen sehr präsent ist und auch die Sänger und
Sängerinnen nichts zu wünschen übrig lassen. Ein kompaktes
Stück ohne Überraschungen, bei dem man sich gut
unterhalten fühlt und das somit ideale Voraussetzungen
bietet, um als Koproduktion durch Europa zu touren – mit
Stationen in London, Strasbourg, Paris, Luxembourg und
Neapel.
Die Wuppertal Oper setzt unter der Intendantin
Rebekah Rota weniger auf Neues sondern widmet sich
„der Erkundung seltener Opernschätze und legt einen besonderen Fokus
auf das Werk kreativer Komponistinnen“. Auf diese Weise kam die
interessante Aufführung Erwartung/Der Wald zustande, bei der
Schönbergs Monodram mit einem Stück von Ethel Smyth
kombiniert wurde, eine Komponistin von der ich
immerhin schon gehört habe. Als aktuelle
Ausgrabung hatte am 18.4. die Oper The
Lodger von Phyllis Tate Premiere, eine mir bis dato
unbekannte Komponistin. Das Werk basiert auf Marie
Belloc Lowndes’ gleichnamigem Roman, der auch einem
Stummfilm von Alfred Hitchcock zugrunde liegt
und sich auf ungewöhnliche Weise dem berühmten
Londoner Serienmörder Jack the Ripper nähert.
Der Ripper erscheint
hier nicht als blutrünstiges Monster, sondern als
von apokalyptischen Visionen getriebener armer Kerl.
Er quartiert sich als Untermieter bei Emma Bunting
und ihrem Mann George ein, die finanziell gerade
äußerst klamm sind, und Emma ist es, die zur
eigentlichen Hauptperson avanciert und aus deren
Sicht wir das Geschehen nachvollziehen. Wir erleben,
wie sie schneller als ihr lieb ist, das Unheil ahnt,
bald Gewissheit erlangt und daraus ungewöhnliche
Schlüsse zieht. Eingebunden ist dieser innere Prozess in eine Handlung, die
neben einer Liebesgeschichte zwischen dem Polizisten Joe und Daisy, der Tochter des Hauses,
auch schmissige Straßenszenen beinhaltet und uns so mitten in das
nebelverhangene London des 19. Jahrhunderts katapultiert, eine Steilvorlage die der Regisseur
Greg Eldridge und seine Bühnenbildnerin Alyson Cummins hemmungslos und
genüsslich auskosten. Vor uns breitet sich
eine zweistöckige überdimensionale Puppenstube aus,
mit einem urgemütlichen, viktorianischen Wohnzimmer
im Untergeschoss und Jack the Rippers Zimmer im
Obergeschoss, ebenfalls anheimelnd aber in
ahnungsvolles Rot getaucht. Die Szene öffnet sich
zur Straße, die mit schummrigen Straßenlaternen genauso urig daherkommt.
Jedes Detail stimmt und man kann sich geradezu die Freude der Bühnenleute vorstellen – wie in der
guten alten Zeit, als man in akribischer Kleinarbeit
das Puppenhaus für den Weihnachtsabend herrichtete
und innerlich die Kinderaugen schon leuchten sah. Auch die
Kleidung (Kostüme Evelien van Camp) ist bis zur
Unterwäsche historisch informiert.
Wer die Lebensdaten der
Komponistin (1911 bis 1987), den Uraufführungstermin
(1960) und den Umstand in Rechnung stellt, dass
Großbritannien in Sachen Neue Musik schon immer sein
eigenes, aus kontinentaler, vorzugsweise deutscher Sicht,
konservatives Ding gemacht hat, weiß, dass hier keine
experimentellen Klänge zu erwarten sind. Das einzig
Schräge ist das verstimmte Klavier in einer
Wirtshausszene, ansonsten bewegen wir uns in tonal
vertrauten Gefilden, die allerdings sehr vielseitig und
wirkungsvoll eingesetzt werden. Paukenwirbel und
Bläserattacken sorgen für voluminöse Zuspitzungen, viel
häufiger aber wird das allgegenwärtige Unbehagen durch
subtilere Mittel umgesetzt. Emmas Warten auf ihren Mann
begleitet ein enervierendes Ticken, die apokalyptischen
Visionen des Rippers und die Ahnungen Emmas werden von
dumpfem Pochen und unheimlichem Sirren grundiert und wenn
sich am Ende der zweiten Szene Innen- und Außenraum
verschränken, kann es richtig turbulent und vielschichtig
werden. Daneben stehen handfeste Trinklieder und ein
Liebesduett.
Befremdlich mutet das Ende an. Anstatt ihn der Polizei
auszuliefern, führt Emma mit ihrem Untermieter ein
Hilfeplangespräch. Sie sieht ihn als krankes und gequältes
Individuum und schickt ihn zum Arzt. Selbst den zaghaften
Einwand ihres Mannes, dem es ebenfalls langsam dämmert,
dass immerhin Frauenleben auf dem Spiel stehen, wischt sie
zur Seite. Diese bemerkenswerte, noch heute beliebte
Täter-Opfer-Umkehr lässt sich besser einordnen, wenn man
bedenkt, dass damals in Großbritannien heiß über die
Todesstrafe diskutiert wurde, deren erklärte Gegnerin Tate
war und die erst in den 1960er Jahren abgeschafft wurde.
Insgesamt handelt es sich bei The Lodger um ein
Gesamtpaket, bei dem musikalisch, vor allem aber von
Seiten der Regie keine Kosten und Mühen gescheut werden,
um uns auf eine nostalgische Zeitreise zu schicken. Bei
den Sängern und Sängerinnen stechen vor allem Edith
Grossman als Emma und Zachary Wilson als Untermieter
hervor, die stimmgewaltig ihre innere Zerrissenheit zum
Ausdruck bringen. Der Opernchor kann sich wunderbar
austoben und das Sinfonieorchester Wuppertal steuert unter
der Leitung von Yorgos Ziavras sicher durch das bewegte
aber nicht besonders steinige Terrain.
[Abschied von Mark-Andreas Schlingensiepen]
Am 2.5.2026 ist Mark-Andreas
Schlingensiepen nach schwerer Krankheit
verstorben. Am 26.4. feierte er noch seinen 70.
Geburtstag, doch schon beim Konzert des von ihm
gegründeten notabu.ensembles am 29.4. in der
Tonhalle, das als
Geburtstagsständchen konzipiert war, konnte er nicht mehr dabei sein.
Wie kaum ein zweiter hat
Mark-Andreas Schlingensiepen das Neue-Musik-Leben in
Düsseldorf seit den 80er Jahren geprägt. 1956 in
Bradford/England geboren (sein Vater war dort Pastor
der deutschsprachigen Gemeinde) kam er nach einem
Zwischenstopp in Berlin 1969 mit seiner Familie in die Landeshauptstadt und blieb dieser sein Leben lang treu.
Als Student der Robert-Schumann-Hochschule lernte er den
Kompositionsprofessor Günther Becker kennen, der ihn
ermutigte, ein eigenes Ensemble
für Neue Musik zu gründen. 1983 als ensemble neue musik Düsseldorf
entstanden (ab 1992 notabu.ensemble) spielte es 1984 zum ersten Mal
in der Tonhalle und war seitdem fester Bestandteil der
Konzertplanung. Besonders
sind mir die Festivals ‚Europa ohne
Grenzen‘ bzw. ‚Ohren auf Europa‘ in Erinnerung, die jeweils
von einem namhaften Komponisten kuratiert wurden. Auf diese
Weise schafften es Heinz Holliger, Wolfgang Rihm und Beat
Furrer nach Düsseldorf und bei der letzten Ausgabe 2013
durfte mit Kaija Saariaho sogar eine Komponistin das Ruder
übernehmen. Düsseldorf
ist keine Neue-Musik-Hochburg, aber
Schlingensiepen und seinem Ensemble gelang es, mit der Tonhallen-Reihe ‚Na
hör‘n Sie mal….!‘ ein treues Publikum um sich zu
scharen. Eine wichtige Rolle spielten dabei die
Konzerteinführungen, die ihn als nahbaren,
engagierten Menschen zeigten und immer Lust auf die Musik
machten. Hier wie auch im Umgang mit dem Ensemble spürte
man, was die Musiker und Musikerinnen bestätigen: seine
menschliche, respektvolle Art. ‚Er hat nie geschimpft‘,
bekommt man zu hören und immer wieder fällt das Wort
Vertrauen. Kooperationsprojekte mit dem DoelenEnsemble
Rotterdam (Berios Coro), dem SpectraEnsemble Gent
und dem Schweizer Ensemble L’art pour l’Aar und damit verbundene
Konzertreisen führten über die heimischen Grenzen hinaus,
aber die internationale Karriere stand nie im Vordergrund. Vielleicht war
Schlingensiepen dafür zu bescheiden, was sich auch daran
zeigte, dass er, obwohl selbst als Komponist tätig, selten
eigene Werke programmierte. Das sollte in seinem
Geburtstagskonzert, bei dem mit 25 Mitwirkenden fast das
gesamte Ensemble anwesend war, endlich anders sein und vor allem sollten die
verschiedenen Facetten seines Schaffens hörbar werden. In der fantasteria-Reihe verknüpft er ernsthafte
Botschaften (z.B. Kritik am Maschinenwesen und eine
Bezugnahme auf das Grundgesetz) mit einem verspielten,
humorvollen Ansatz und bringt Toypianos, diverses
Equipment und szenische Elemente zum Einsatz. ..und dann ist selbst ein Requiem. Es
entstand in Erinnerung an Wolfgang Rihm und greift eine
Besetzung auf (Trompete, Akkordeon, Schlagzeug, Harfe,
Klavier und Kontrabass), die Rihm bei einem Stück für das
notabu.ensemble verwenden wollte; ein Stück, das er nicht
mehr zur
Ausführung brachte.
Auf der Basis einer klaren Struktur, bei der sich die
Anklänge sukzessive verkürzen und die Nachklänge verlängern, entsteht ein ruhig atmender
Duktus, dem eine gewisse Schwermut anhaftet. Canto della vita di tutti i
giorni für Horn und Streichquartett
reagiert ebenfalls auf Todesfälle im nahen Umfeld,
in energievoller und konzentrierter Weise, wobei nebenbei ein Bachchoral aufscheint. Und auch in dem Ensemblewerk Der Tanz ums goldene Kalb
oder die Überforderung der Propheten, das sich mit der Ambivalenz
großer Gestalten und großer Botschaften befasst, schwingt der Pfarrerssohn mit.
Wie geht es jetzt weiter? Das nächste Konzert der Reihe ‚Na
hör‘n Sie mal..!‘ am 17.6. steht unter dem Motto
‚Trauerarbeit und Visionen‘ und verknüpft Schlingensiepens
Akkordeonstück Zeichnungen I-III mit Messiaens Visions
de l'Amen. In der
nächsten Spielzeit der Tonhalle wird die Reihe mit
dem notabu.ensemble wie gewohnt fortgesetzt, während das
Ensemble sich gleichzeitig neu orientieren und nach einer
neuen Leitung Ausschau halten muss. Doch die Lücke, die
Mark-Andreas Schlingensiepen hinterlässt, wird noch lange
spürbar sein. (Anlässlich seines 70. Geburtstag ist unter
dem Titel Stationen einer Ära eine umfangreiche
Festschrift erschienen.)
[Termine im Juni]
Köln
In der Philharmonie stehen
das Belcea Quartet mit
einem neuen Werk von Brett Dean am 8.6., die WDR-Reihe 'Musik der Zeit' mit
Uraufführungen von Anda Kryeziu und Alex Paxton am 19.6. und die Musikfabrik mit einem
Konzert anlässlich des 100. Geburtstags von Hans
Werner Henze am 22.6. auf dem
Programm. Auch beim 97.
WDR-Konzert der Musikfabrik am 20.6. steht Henze im
Mittelpunkt, außerdem findet am 8.6. ein
Montagskonzert statt, am 13.6. kooperiert das
Studio Musikfabrik mit der Rheinischen Musikschule
und am 6.6. zieht das Chaos
Orchester durch Köln. In der Alten Feuerwache
erwarten uns das Collide Quartett am
13.6., ein Porträtkonzert Carter Williams am
14.6. und das Ensemble Garage am
28.6. Bei o-ton stehen Hübschs The Theory of
Everything am 1.6. und das catinblack ensemble
am 14.6. auf dem
Programm, die Konzertreihe ritual wird am 1.6. fortgesetzt und im Stadtgarten sind Anushka Chkheidze und
Jannis Carbotta am 2.6. und das eos chamber orchestra
am 21.6. zu Gast. Die Plattform nicht
dokumentierbarer Ereignisse kündigt das Trio
TAU (Tiziana Bertoncini, Angelika Sheridan und Ute
Wassermann) für den 7.6. an, in der Kunststation Sankt Peter
erwartet uns – neben Lunchkonzerten
am 6., 13., 20. und 27.6. – am 11.6. ein Konzert im Rahmen
des Romanischen Sommers, am 13.6. und 14.6. erinnert das E-Mex-Ensemble
an den Choreographen James Saunders, die Hochschule für Musik und
Tanz veranstaltet am 25.6. einen
Klassenabend mit elektronischer Musik, in der
Galerie Lindemann gastieren Mathieu
Sylvestre und Pas Musiquedas am 12.6. und das trio in feral am 27.6. und die reiheM präsentiert am
30.6. Karen Willems
und Adomas Palekas.
Einblicke in die freie
Szene bekommt man bei ON Cologne und Noies, der Zeitung für neue
und experimentelle Musik in NRW, jeden 1. und 3.
Mittwoch im Monat wird die Ebertplatzpassage von der Reihe Bruitkasten bespielt, jeden 2. und 4.
Dienstag im Monat sendet FUNKT ein Radioformat mit
Elektronik und Klangkunst aus Köln und jeden letzten
Mittwoch im Monat findet die Soirée Sonique im LTK4 statt. Fast täglich gibt es
interessante Konzerte im Loft (z. B. das Wuppertaler
Improvisationsorchester am 12.6.) und weitere Termine und
Infos finden sich bei kgnm, Musik in Köln und impakt sowie Veranstaltungen
mit Jazz und improvisierter Musik bei Jazzstadt Köln.
Ruhrgebiet
Das Festival Blaues Rauschen beglückt noch bis zum 12.6. das Ruhrgebiet mit digitalen Soundexperimenten, elektronischer Musik, Performance und Installationen und ist u.a. im domicil, im Lokal Harmonie, im Makroscope und im Rabbit Hole Theater zu Gast.
Das Bochumer Kunstmuseum lädt anlässlich der derzeitigen großen Fluxus-Schau am 6.6. zu Klangbildern mit improvisierter Musik ein und die Bochumer Tage für Neue Musik in der Melanchthonkirche, die sich in diesem Jahr mit dem anderen Amerika befassen, werden noch bis zum 21.6. fortgesetzt.
Das Part-Ensemble gastiert am 3.6. in der Dortmunder parzelle, die Konzerthaus-Reihe ‚Kopfnoten‘ befasst sich am 8.6. mit Epochen und Stilen des 20. und 21. Jahrhunderts und im domicil erwarten uns The Dorf am 18.6. und eine Veranstaltung im Rahmen der International Pynchon Week am 19.6.
Im Duisburger Ableger der Folkwang Universität erklingt am 15.6. neue Musik für Blockflöte, Marimba und Cembalo.
In der Essener Neue Musik Zentrale stehen ein Treff mit Owen Gardner am 6.6., das Duo Matmos am 23.6. und die Improvisationsreihe FRIM am 9. und 24.6. auf dem Programm. Meredith Monk ist zurzeit Inhaberin der Pina Bausch Professur. Am 4.6. kann man sie im Folkwang Museum erleben und am 14.6. findet in der Folkwang Universität ein öffentlicher Showcase statt. Das Institut für Computermusik und elektronische Medien (ICEM) bietet am 18.6. eine Ex-Machina-Vorlesung an und veranstaltet vom 22.6. bis 26.6. zusammen mit der Philharmonie die Park Sounds. Das Ensemble S201 feiert am 19.6. seinen 10. Geburtstag und The Dorf zelebriert am 21.6. auf der Schurenbachhalle die Sommersonnenwende.
Am 9.6. trifft Simon Camatta im Gelsenkirchener irgendDorf auf Luise Volkmann.
Im Makroscope in Mülheim an der Ruhr werden am 26.6. die Muhlheimer Zongtage eröffnet. Weiter geht es am 27.6. in der Mülheimer Gartenschau.
Düsseldorf
Kunsu Shim und Gerhard Stäbler gestalten am 2.6. im Malkasten ein Wandelkonzert. Die 13. Klangräume starten mit Konzerten am 4.6. in der Neanderkirche und am 28.6. in der Bergerkirche und loben außerdem zum 100. Todestag von Rainer Maria Rilke einen Kompositionswettbewerb aus (Einreichungen sind bis 15.9.26 möglich). Beim langen Tag der zeitgenössischen Musik der Robert Schumann Hochschule am 13.6. wirkt als aktuelles Residence-Gastensemble catinblack mit und ebenfalls am 13.6. hat Irene Kurka in ihrer Reihe ‚Singing Future‘ den Trompeter Nathan Plante zu Gast. Im Weltkunstzimmer erwarten uns kollektive Improvisation mit Louretta & Dr. Schmitt am 13.6. und das Festival of Butoh, Sound and Vision, vom 19.6. bis 12.7. Im Konzert des notabu.ensembles in der Tonhalle erklingt am 17.6. Musik von Messiaen und Mark-Andreas Schlingensiepen und experimentelle improvisierte Musik kann man regelmäßig im Subsol, dem Raum für creative Extravaganzen, erleben.
Sonstwo
In der Aachener Raststätte erklingt am Synthesizer Jam, der Aachener Ableger der Kölner Hochschule für Musik und Tanz veranstaltet am 16.6. einen Neue-Musik-Abend und die Gesellschaft für zeitgenössische Musik Aachen kündigt die Reihe 'Hören und Sprechen über Neue Musik' am 5.6. und moderne Kammermusik am 20.6. an. Im Ludwig Forum ist noch bis zum 20.9. eine Ausstellung der Klangkünstlerin Christina Kubisch zu hören und zu sehen (The Emergence of Sound). Zum Rahmenprogramm gehören auch Electrical Walks, Führungen und Workshops.
Die Bielefelder Cooperativa Neue Musik veranstaltet monatlich einen Jour fixe und in der Zionskirche erklingt am 7.6. Chormusik und am 14.6. neue Musik mit dem Ensemble Earquake.
Die In Situ Art Society präsentiert im Rahmen der Reihe ‚The Dissonant Series‘ im Bonner Dialograum Kreuzung an St. Helena eine Hommage an Theo Jörgensmann am 4.6., Maria de Alvears Baum am 7.6. und Subsystem & Casey Moir am 17.6. und am 27.6. kommen anlässlich des 100. Geburtstags von György Kurtág seine Kafka-Fragmente zur Aufführung.
Die Detmolder Hochschule für Musik veranstaltet am 28.6. einen gemeinsamen Vortragsabend für Alte und Neue Musik.
In der Krefelder Kirche Pax Christi erklingen am 21.6. Orgel-Improvisationen von Eva Maria Houben.
In einem Werkstattkonzert im Mönchengladbacher BIS- Zentrum präsentiert das ART Ensemble NRW am 6.6. unter dem Titel … den Sieg verfehlen ein pazifistisch, satirisches Programm.
Das Studio für Neue Musik der Universität Siegen veranstaltet am 25.6. ein Konzert mit dem Duo Miro.
Im Wuppertaler ort stehen Viola d’amore jetzt mit Annegret Mayer-Lindenberg am 10.6., die Reihe ‚all female‘ mit Fabiana Galante und Ute Völker am 18.6. und Live Paths mit dem Vabali Quartet, Nawab Khan, the Mantra und Gunda Gottschalk am 27.6. auf dem Programm und die Reihe ‚unerhört‘ serviert am 19.6. Astronautenküche.
Weitere Termine mit improvisierter Musik finden sich bei NRWJazz.
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