Wenn
diese Gazette in ihrem Mailprogramm nicht korrekt angezeigt
wird,
können Sie sie auch hier lesen:
https://kulturserver-nrw.de/de_DE/gazette-neue-musik-in-nrw-ausgabe-februar-2026#
Februar 2026
Gewesen:
Frakzionen
in
Bielefeld
Angekündigt:
Klavierfestival Ruhr mit
Hommage an Kurtág – NOpera!
in Münster u.v.a.m.
(möchten
Sie diese Gazette monatlich neu per E-Mail erhalten? Dann
senden Sie
bitte eine Mail an neuemusik-join@list.kulturserver-nrw.de
)
[Frakzionen in Bielefeld]
Nach
meinen positiven Erfahrungen im Jahr 2024 (s. Gazette
vom Februar 2024) hat es mich zum Jahresauftakt erneut
nach
Bielefeld gelockt und ich wurde auch diesmal nicht enttäuscht.
Bereits zum 9. Mal veranstaltete Christof Pülsch das Festival
Frakzionen,
das vom
16. bis 18.1.26 mit zwölf Konzerten und zwei Vorträgen ein
umfangreiches Programm bot. Pülsch ist Kirchenmusiker der
Zionsgemeinde und nutzt die schlichte und gleichzeitig
anheimelnde
Zionskirche, erhöht auf dem Zionsberg südlich der Bielefelder
Innenstadt gelegen, als Austragungsort für fast alle
Veranstaltungen. Im Vorfeld befasste er sich in einem
einleitenden
Beitrag mit dem Thema ‚Neue Musik als religiöse Praxis‘, wobei
er den Begriff der Religiosität jenseits von Dogma und
konfessioneller Bindung sehr weit fasst. Entscheidend ist für
ihn
die Bereitschaft und die Fähigkeit, die eigene Begrenztheit zu
transzendieren, sich berühren, verändern und gegebenenfalls
auch
verstören zu lassen – mit dem Risiko des Fremdseins und des
Fremdbleibens. Sein Anliegen, hierfür einen geeigneten Raum zu
schaffen, ist ihm offensichtlich gelungen. Das Festival
richtet sich
nicht in erster Linie an das einschlägige Fachpublikum sondern
an
die Menschen vor Ort, die allerdings einige Zeit brauchten, um
sich
auf das ungewohnte Angebot einzulassen. Zeitzeugen berichten,
dass
die Konzerte anfangs vor sehr kleinem Publikum stattfanden,
doch das
ist längst Vergangenheit. Inzwischen ist die Kirche gut
gefüllt,
eine engagierte Schar ehrenamtlicher Helfer und Helferinnen
sorgt für
eine gastfreundliche Atmosphäre und längst hat es sich auch
über
den engeren Einzugsbereich hinaus herumgesprochen, dass sich
der Weg
nach Bielefeld lohnt. In der Aussprache nach Pülschs Vortrag
fiel
wiederholt das Wort Vertrauen, Vertrauen in den Veranstalter,
die
Musiker und Musikerinnen. Doch von ebenso großer Bedeutung ist
das
Vertrauen, das Pülsch dem Publikum entgegenbringt. Anstatt –
wie
gerne propagiert – die Menschen dort abzuholen, wo sie sind,
lockt
er sie ganz gezielt aus ihren Komfortzonen heraus, vertraut
ihnen und
traut ihnen etwas zu. Anstatt nur unterhalten und bespaßt zu
werden,
werden sie ernst genommen – ein Ansatz, der offensichtlich auf
Resonanz stößt.
Was
die eingeladenen Ensembles anbelangt, so fiel ein
Vertrauensvorschuss
nicht schwer. Mit dem Ensemble
Ascolta aus Stuttgart, dem Trio
Abstrakt und dem Ensemble
BRuCH waren vertraute Namen zu Gast. Den Auftakt
gestalteten Pia
Marei Hauser (Flöte), Marko
Kassl (Akkordeon) und Paul
Pankert (Live-Elektronik). In Toshio Hosokawas Bird
Fragments
III gleitet die Flöte mal zart, mal exaltiert über
Akkordeonwogen. Pankert erweitert in seinen Werken die
Instrumentalstimmen live-elektronisch. In Fake-Flutes
erhält
die Flöte einen Schatten, eine Aura, wächst über sich selbst
hinaus und verselbständigt sich im Raum, während Wasser
von
dunklem Raunen und Grollen bis zu gemächlichem Fließen
verschiedene
Aggregatzustände erkundet. Das Ensemble Ascolta war gleich mit
drei
Konzerten vertreten, wobei neben bekannten Namen wie Isabel
Mundry,
Martón Illes und Gordon Kampe auch die Uraufführung eines
Frakzionen-Kompositionsauftrags auf dem Programm stand. In Shadi
Kassaees fading für Gitarre, Cello, Trompete und
Posaune
erscheinen zwischen teils harschen, sich verflüchtigenden
Impulsen
melodische Floskeln und melancholische Anflüge wie
Reminiszenzen an
eine versunkene Welt, von denen zum Schluss nur ein tonloses
Flattern
zurück bleibt. Die beiden Ascolta-Schlagzeuger Julian Belli
und
Boris Müller hoben zudem ein Werk von Michael
Pelzel aus der Taufe. In Reflections of Eternity
zelebriert er auf alle erdenkliche Weise Ausschwingvorgänge,
vom
Brummen und Jaulen von Pauke und großem Gong bis zu
ätherischem
Sirren und sirenenhaftem Flirren. Einen weiteren
Kompositionsauftrag
brachte das Trio
Abstrakt zu Gehör. In Macarena
Rosmanichs We are walls, where once were windows behauptet
sich zwischen den markanten trockenen Impulsen des
Schlagzeugs und
des präparierten Klavier (das dadurch selbst zum
Perkussionsinstrument wird) das Saxophon, ruhig
schwebend, vibrierend, mit kleinen Arabesken, sich niemals
vordrängend und trotzdem ausgesprochen präsent. Im Anschluss
erklang durch
von Mark
Andre. Nach einem erstaunlich energischen
Beginn wird die Musik immer durchsichtiger und ungreifbarer,
verflüchtigt sich
zu kleinsten Gesten, Atmen, Hauchen. Das Publikum war mit
äußerster
Konzentration bei
der Sache
– man hätte eine Stecknadel fallen hören.
Das
Frakzionen-Festival ist inzwischen einige interessante
Kooperationen
eingegangen – u.a. mit dem John
Cage Award in Halberstadt. Ergänzend zu dem Orgelprojekt,
bei dem Cages Werk ORGAN²/ASLSP – As SLow aS Possible
–
über einen Zeitraum von 639 Jahren erklingt (mit entsprechend
seltenen Klangwechseln – der 17. findet am 5.8.26 statt), ist
in
Halberstadt die Cage-Academy entstanden, die seit 2008 den
Cage Award
für Interpreten und Interpretinnen auslobt. Als ehemalige
Preisträger waren in diesem Jahr das Akkordeon-Duo
con:trust mit Marius Staible und Daniel Roth und die
Sopranistin
Nora Bertogg in
Bielefeld
zu Gast. Bertogg hatte mit Cathy Berberians vertontem
Comicstrip
Stripsody und Georges Aperghis Recitation Nr. 9 ein
virtuoses Programm im Gepäck, bei dem sie nicht nur
ihre
stimmlichen sondern auch ihre schauspielerischen Fähigkeiten
überzeugend zum Einsatz bringen konnte. Aperghis’
vokalakrobatische Recitations haben auch das Ensemble
BRuCH gereizt, wobei sich sowohl die Sopranistin Marie
Heeschen
als auch die Flötistin Sally Beck als Vokalsolistinnen
hervortaten.
In Two bards (among tygers wild) von Daniel
Alvarado Bonilla sind die Rollen wieder traditionell
verteilt.
Begleitet von Flöte, Cello und Klavier singt Heeschen Texte
von
William Blake und Allen Ginsberg, traumwandlerisch,
unterwandert von
melodischen Passagen und aufblitzenden Zitaten, wie angewehte
Erinnerungen.
Ein
weiterer Kooperationsstrang führt in die Schweiz und brachte
diesmal
das Harfenduo AEcstaly
nach Westfalen. Harfen, noch dazu im Doppelpack, wecken bei
mir
normalerweise keine spontane Begeisterung, doch was Alice
Belugou und
Estelle Costanzo zu Gehör brachten, ließ ich mir gefallen. In
Huihui Chengs Tu
n’es pas
chat für zwei präparierte Harfen & Stimme entsteht
durch
den Einsatz profaner Gerätschaften (von Gläsern und Schnüren
bis
zu Spüllappen) eine fragile, poetische von zarten Gesten und
Rufen
geprägte Klanglandschaft. Und auch Ligetis für Cembalo
komponiertes
Werk Continuum bekommt in der Version für zwei Harfen
einen
ganz neuen Charakter. Das mechanistisch-enervierende weicht
einer
Leichtigkeit und Luftigkeit, es entsteht der Eindruck eines
sich
bewegenden Vorhangs, der immer neue Faltungen und Ausblicke
freigibt.
Mit
Steven J. Heelein,
Komponist,
Kirchenmusiker und Benediktineroblate (hierbei handelt es sich
nicht
um ein Gebäck sondern um eine Person, die ein Leben nach dem
Geist
einer bestimmten Ordensregel führt) eröffnete sich noch einmal
eine
sakrale Ebene. Wie er in einem einleitenden Vortrag erläuterte
(Versuch einer musica solitudine oriens) entspringt
für ihn
schöpferische Tätigkeit aus der Erfahrung einer existentiellen
Einsamkeit und der Sehnsucht nach nie erreichbarer
Vollkommenheit. In
seinem Werk deine Wohnungen, Herr entsteht daraus ein
Klangraum für Stimmen & Instrumente. Die Mitglieder des
Projektchors der Zionsgemeinde agieren dabei aus dem Publikum
heraus
und erzeugen zusammen mit instrumentalen Akzenten (Trompete,
Bassposaune, Schlagzeug und Klavier) eine eigenwillige
Atmosphäre,
die berührt ohne zu vereinnahmen.
Auch
Rainer
Nonnenmann befasste sich in seinem Vortrag mit dem
Transzendenz-Versprechen der Neuen Musik und identifizierte
den
Wunsch nach Grenzüberschreitung und Regelauflösung als
Grundlage
der europäischen Musikgeschichte. Aus Sicht unserer heutigen
utopielosen, kleingeistigen Zeit verblüfft es, mit welchem
Selbst-
und Sendungsbewusstsein Protagonisten wie Schönberg und
Stockhausen
erfüllt waren. Da sollte nicht nur die Musik sondern der
Mensch neu
erfunden und die Wahrheit dingfest gemacht werden. Das
Ergebnis waren
Größenwahn und Selbstüberschätzung aber auch Wagemut und
faszinierende Experimente, bei denen man (wie bei Stockhausens
Helikopterquartett) schon einmal die Bodenhaftung verlieren
konnte.
Doch
zurück zu den Frakzionen: Noch nicht erwähnt habe ich das Ensemble
Earquake, das Neue Musik-Ensemble der benachbarten Hochschule
für Musik in Detmold, das Werke von Kurtág, Bauckholt,
Kampe
und Adrien Trybucki im Gepäck hatte und John
Eckhardt, der den ersten Festivaltag mit seinem
Kontrabass
ausklingen ließ und dabei von dunklem Grummeln bis zu hohem
Säuseln,
von geräuschhaften Eskapaden bis zu melodiösen Anwandlungen
die
ganze Bandbreite seines Instruments auskostete.
Vor
allem möchte ich den Termin für das nächste
Frakzionen-Festival nicht unerwähnt lassen: Den 15. bis
17.1.27
kann man sich schon einmal vormerken.
[Termine im Februar]
Köln
In
der Philharmonie
stehen
die Cellistin Valerie Fritz und der Akkordeonist Goran
Stevanovich am
1.2.,
The Wave Quartet am 3.2.
sowie das Concert
Românesc
von Ligeti am 22.2.
auf dem Programm. Im
Atelier
Dürrenfeld/Geitel
erwarten uns die Soundtrips
NRW
am 5.2.,
die Flötistin Marina Cyrino am 11.2.,
das Trio Strinning/Heinemann/Long am 23.2.
und Werckmeister am 24.2.
Die Hochschule
für Musik und
Tanz kündigt ein Konzert mit den Ensembles COLab
Cologne und Unfeed format am 4.2.
an, in
der
Alten
Feuerwache
kommt
vom 5. bis 7.2. die Polit-Oper Amusing
Ourselves to Death zur
Aufführung, o-ton
präsentiert am
7.2.
Neues
für Oboe & Klavier und
am
20.2.
sind Mark Polscher und Florian Zwißler im Antiqiariat
Langguth zu
Gast. Im Stadtgarten
steht
am 23.2.
die Band müde in der Reihe NICA
live auf der Bühne, im japanischen
Kulturinstitut erklingen ebenfalls am 23.2.
Ainu-Gesänge und
in der Kunststation
Sankt Peter findet am 28.2. ein Lunchkonzert
statt.
Einblicke
in die freie Szene bekommt man bei ON
Cologne
und Noies,
der Zeitung für neue und experimentelle Musik in NRW,
jeden 2. und
4. Dienstag im Monat sendet
FUNKT
ein Radioformat mit Elektronik und Klangkunst aus Köln
und
jeden letzten Mittwoch im Monat findet die Soirée
Sonique
im LTK4
statt.
Fast täglich gibt es interessante Konzerte im Loft
und
weitere
Termine und Infos finden sich bei kgnm,
Musik
in Köln
und
impakt sowie
Veranstaltungen
mit Jazz und improvisierter Musik bei Jazzstadt
Köln.
Ruhrgebiet
Das auf Live-Musik zu Stummfilmen spezialisierte Ensemble Interzone Perceptible ist am 19.2. in Bochum und am 22.2. in Essen zu erleben.
Am 7.2. sind die Soundtrips NRW im Kunstmuseum Bochum zu Gast und das Klavierfestival Ruhr widmet sich am 21.2. und 22.2. György Kurtág.
Im Konzerthaus Dortmund spielen Patricia Kopatchinskaja und Sol Gabetta am 27.2. Werke von Ligeti, Widmann u.a., im domicil steht am 19.2. The Dorf auf der Bühne und in der Parzelle erwarten uns die Soundtrips NRW am 6.2., das Free-Funk-Projekt Jooklo am 7.2. und Earscratcher am 26.2. Im Künstlerhaus ist noch bis zum 15.3. Klangkunst ohne Lautsprecher zu erleben.
Am 9.2. kommen die Soundtrips NRW nach Duisburg ins Lokal Harmonie und im Lehmbruck Museum erwartet uns am 26.2. eine Hommage zum 100. Geburtstag von György Kurtág.
In Essen sind die Soundtrips NRW am 2.2. im Rabbit Hole Theater zu Gast, die Philharmonie präsentiert am 5.2. ein Kompositionsprojekt für weiterführende Schulen zu Luciano Berios Klangwelt, in der Zeche Carl findet vom 19. bis 21.2. das Joe Festival statt und im Rahmen des Tikwah-Festivals jüdischer Musik erklingt am 22.2. in der alten Synagoge Musik von Ruth Schonthal und Ursula Mamlok.
Düsseldorf
Am 4.2. kommen die Soundtrips NRW ins Theatermuseum, die Robert Schumann Hochschule präsentiert am 11.2. und 12.2. Arbeiten des Studienschwerpunkts Visual Music und in der Tonhalle stehen Musik von György Kurtág am 20., 22. und 23.2. sowie das notabu.ensemble am 25.2. auf dem Programm.
Sonstwo
In der 76. Ausgabe der Soundtrips NRW reist Felix Nussbaumer vom 31.1. bis 9.2. mit Saxophon und Live-Elektronik durchs Land und trifft auf wechselnde Gäste.
In der Aachener Raststätte erwartet uns am 4.2. Synthesizer Jam und die Gesellschaft für zeitgenössische Musik Aachen kündigt die Reihe 'Hören und Sprehen über Neue Musik' am 6.2. und den Pianisten Jan Gerdes am 7.2. an.
Die Cooperativa Neue Musik in Bielefeld veranstaltet monatlich einen Jour fixe und im Theater hat am 21.2. Kassandra mit Musik von Mathis Nitschke und Stefan Behrisch Premiere. Erste Einblicke gibt es bereits am 9.2.
Die In Situ Art Society präsentiert am 17.2. im Bonner Dialograum Kreuzung an Sankt Helena in der Reihe ‚The Dissonant Series‘ ein Doppelkonzert.
In der Hochschule für Musik in Detmold ist am 6.2. das hauseigene Ensemble Earquake zu erleben.
Das E-Mex Ensemble lädt am 7.2. zu einem musikalischen Spaziergang durch das Museum Goch ein.
Das TAM, Theater am Marienplatz in Krefeld, lädt jeweils freitags um 22 Uhr zum Nachtprogramm.
In Moers hat die griechische Vibraphonistin, Perkussionistin und Komponistin Evi Filippou den Staffelstab als Improviser in Residence übernommen. Am 6., 15. und 21.2. ist sie an verschiedenen Orten und mit verschiedenen Mitstreitenden zu erleben.
In der Black Box Münster erwarten uns außer den Soundtrips NRW am 1.2. Veranstaltungen in der Reihe elektroFlux am 12.2., 21.2., 27.2. und 28.2. und im Theater hat am 27.2. Die Kantine, ein Musiktheater im ganzen Haus von Nico Sauer, Premiere. Folgeaufführungen des neuesten NOperas!-Projekts finden am 13. und 14.3. statt.
Das Studio für Neue Musik der Uni Siegen lädt am 8.2. ein zu einem Konzert in der Nicolaikirche.
Partita Radicale präsentiert am 1.2. in Solingen eine audiovisuelle Reise durch Reinigungsrituale der modernen Gesellschaft
Im Wuppertaler ort stehen das New Cretan Quartet am 7.2. und das Trio Helicopter am 24.2. auf dem Programm.
Weitere Termine mit improvisierter Musik finden sich bei NRWJazz.
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Wenn
Sie die Gazette nicht mehr erhalten möchten, senden
sie bitte eine
Mail an:
neuemusik-leave@list.kulturserver-nrw.de
Impressum:
Konzept,
Redaktion & Umsetzung: Petra Hedler
neuemusik@kulturserver-nrw.de
Partnerprojekt
der Stiftung kulturserver.de gGmbH
Lothringerstr. 23
52062
Aachen
http://ggmbh.kulturserver.de
redaktion@kulturserver.de